Sonderausstellung im Stadtmuseum über handwerkliche Buchproduktion
ist eine Hommage an Dichter Christian Morgenstern
Ein Buch mit Gedichten von Christian Morgenstern steht im Zentrum der Ausstellung „Mein Morgenstern“. Das Besondere daran ist, wie kunstvoll die Gedichte in Szene gesetzt sind: auf handgeschöpftem Papier, von Hand gesetzt, gedruckt und gebunden. Seite für Seite Meisterwerke der Handwerkskunst, an denen über 60 Spezialisten zwei Jahre lang gearbeitet haben. Erstmals präsentiert wurde das Buch, das in einer limitierten Auflage von 111 Exemplaren erschienen ist, im März 2025 im Christian-Morgenstern-Museum in Werder zum 111. Todestag des Lyrikers. Seitdem tourt die Wanderausstellung durch Deutschland und macht nun von 1. März bis 3. Mai 2026 Station im Mainburger Stadtmuseum.
Details zur Sonderausstellung:
• Ort: Stadtmuseum Mainburg, Abensberger Str. 15
• Dauer: 01.03. – 03.05.2026
• Öffungszeiten: So. 14.00 – 17.00 / Mi. 09.30 – 13.00 Uhr
• Führungen für Gruppen, Schulen und Kindergärten auf Anfrage: Tel 08751 704611 / E-Mail: stadtmuseum@mainburg.de
www.stadtmuseum-mainburg.de
Persönliches Know-how aus Mainburg
Möglich gemacht hat die Ausstellung vor Ort Horst Pinsker, Drucktechniker und leidenschaftlicher Typograph. Als Mitglied des Vereins für die Schwarze Kunst holt er „Mein Morgenstern“ nicht nur nach Mainburg, sondern bereichert die Ausstellung auch noch mit etwas ganz Persönlichem, womit keiner der anderen deutschen Ausstellungs-Standorte aufwarten kann: Pinsker bringt aus seiner persönlichen Werkstatt für die Schwarze Kunst eine Mini-Druckmaschine, einen kleinen „Boston-Tiegel“, mit und besondere Schmankerl traditioneller Druckkunst, wie beispielsweise ein Gebetbuch im Lichtdruck, ein nur noch seltenes Edeldruckverfahren. Und auf einer sogenannten „Nudel“ dürfen die Besucher Bleisatz und Buchdruck selbst ausprobieren und das Ergebnis – natürlich ein Morgenstern-Zitat – mit nach Hause nehmen. „Dass Horst Pinsker die deutschlandweite Ausstellung in Mainburg möglich macht, freut mich sehr!“, so Bürgermeister Helmut Fichtner, „Dass er sie auch noch mit Mainburger Know-how ergänzt, macht sie umso wertvoller und spannender!“
Drucktechniken jetzt immaterielles Kulturerbe
Eine Rarität aus seiner persönlichen Sammlung liegt Horst Pinsker besonders am Herzen: ein Replikat der 42-zeiligen Gutenberg-Bibel, so gesehen die Anfänge unserer heutigen Informationskultur. Denn genau das setzte Johannes Gutenberg in Bewegung, als er 1450 den Druck mit beweglichen Lettern erfand. Es war eine Medienrevolution im Spätmittelalter, die das Abschreiben von Büchern überflüssig machte und Bildung – langsam, aber sicher – zu den Menschen brachte. Die erste gedruckte Bibel, wie sie bei der Ausstellung im Stadtmuseum zu sehen ist, war wohl das erste Druckerzeugnis, das unsere Vorfahren zu Gesicht bekamen. „Und ‚Mein Morgenstern‘ zeigt, wie heutige Designer und Typographen das alte Handwerk kunstvoll interpretieren.“, erklärt Horst Pinsker. „Nicht umsonst wurden die künstlerischen Drucktechniken 2018 zum immateriellen Kulturerbe erklärt. Sie sind Kulturgeschichte!“ Und genau dieses Erbe zu bewahren, hat sich der Verein für die Schwarze Kunst, dem Horst Pinsker auch angehört, auf die Fahnen geschrieben.
Von der Idee zum Kunstwerk auf Tournee
Die Idee zur Ausstellung „Mein Morgenstern“ entstand bei einem der Treffen des Vereins für die Schwarze Kunst, wo sich Spezialisten aus ganz Deutschland regelmäßig vernetzen. Es war die Idee, den 111. Todestag des Dichters Christian Morgenstern im März 2025 zu ehren. Der Lyriker, geboren 1871 in München, entstammte einer Malerfamilie. Auch wenn er keine Pinsel und Farben benutzte – das Gestalterische findet sich in seinen Texten in einer sehr bildhaften Sprache wieder. „Es ist dieses Spielerische in seinem Werk, das Typographen lieben, aufs Papier zu bringen“, erklärt Willi Beck, stellvertretender Vorsitzender des Vereins für die Schwarze Kunst und einer der Initiatoren der Ausstellung. „Aus Morgensterns Inspiration ist etwas ganz Großes geworden! Wunderbar witzige Gedichte, kreativ gesetzt und gedruckt auf handgeschöpftem Papier!“ Eine Idee, für die Willi Beck auch die Papiermühle Homburg, den Verein Meister der Einbandkunst und die Büchergilde Gutenberg gewinnen konnte. Zusammen stellten sie in einer überregionalen Kooperation 111 handgemachte Ausgaben des Buches her – in 22 Einband-Varianten, gestaltet von verschiedenen Einband-Künstlern. Auf 4.000 handgeschöpften Papierbögen entstanden in sechs Werkstätten 10.000 Handpressendrucke – in Szene gesetzt von über 60 Meistern ihres Faches.
Erlebnis vor Ort
Die Mainburger Ausstellung zeigt neben den 22 prachtvollen Buchausgaben 44 Druckgrafiken von 29 Designern, darunter auch viele junge Künstler. Zu sehen sind auch Werkzeuge wie Bleisatzformen, Lithosteine, Linolschnitte, Original-Holzstiche, die Einblicke in den Entstehungsprozess des Projektes geben. Nicht zu vergessen: „die Punkte auf dem i“: drucktechnische Schätze von Pinsker Druck und Medien, von der Buchbinderei Obermeier aus Rottenburg und aus der Werkstatt für Schwarze Kunst, in denen die Schönheit der analogen Kommunikation greifbar wird: etwa die Erstausgabe der „Anleitung zur deutschen Rede-Zeichen-Kunst oder Stenographie von Franz Xaver Gabelsberger“ oder die Bibliographien von Antonius Stradivarius. „Mein Morgenstern zeigt die beeindruckende Bandbreite handwerklicher Buchpräsentation“, freut sich Museumsleiter Dr. Andreas Kühne auf die Sonderausstellung. „Eine poetische Ausstellung über alte Handwerkskunst, die im Zeitalter von Internet und KI ein kulturgeschichtliches Erlebnis für Groß und Klein ist! Auch Familien und Schulklassen sind herzlich willkommen!“

Interview
Dresden, Köln, München, Hamburg, Mainburg!
Horst Pinsker holt die Wanderausstellung „Mein Morgenstern“ in die Hopfenstadt – ein Gespräch mit einem begeisterten Schriftsetzer, Drucker und leidenschaftlichem Typografen
Lieber Herr Pinsker, Sie haben die Ausstellung „Mein Morgenstern“ im Herbst 2025 in Köln gesehen. Was hat Sie persönlich an der Ausstellung fasziniert?
Horst Pinsker: Diese Ausstellung verkörpert alles, was ich unter „Schwarzer Kunst“ verstehe. Hier kommen saubere Typographie, perfekter Druck, traditionelles Buchbinderhandwerk und edles Papier zusammen. Und wenn man weiß, wie viel Fachwissen und handwerkliches Können in den zahlreichen Arbeitsschritten steckt, dass hier kein Stück Software zum Einsatz kommt, zur Produktion keine Kilowattstunde Strom für die Produktion benötigt wurde, alles hergestellt mit Manneskraft und Frauen-Power – dann empfindet man höchsten Respekt vor diesen Berufen und vor den Kolleginnen und Kollegen vergangener Zeiten. Außerdem fand ich es besonders beeindruckend, dass die meisten Beteiligten keine so alten Schwarzkünstler wie der Willi Beck und ich sind, sondern junge Handwerkerinnen, Handwerker und Künstler, die diese Tradition leben, weiterführen und auf ihrer Grundlage neue Geschäftsmodelle entwickeln.
Die Ausstellung tourt seit März 2025 nun für rund zwei Jahre durch große Städte Deutschlands und sogar in die Schweiz. Wie haben Sie es geschafft, „Mein Morgenstern“ nach Mainburg zu holen?
Horst Pinsker: Mit etwas Überzeugungsarbeit und einer Portion Glück! Mitte September 2025 war die Ausstellung in der Kunst- und Museumsbibliothek in Köln zu sehen. Dort habe ich sie im Rahmen unserer Jahrestagung des Vereins für die Schwarze Kunst erstmals besucht. Da war ich sehr bewegt und habe die Verantwortlichen gefragt, ob die Ausstellung auf ihrer Wanderschaft nicht auch in der Hallertau Station machen könnte. Man versprach, das wohlwollend zu prüfen. Eine Woche später kam der Anruf: Der geplante Termin im Gutenberg-Museum in Mainz musste wegen Umbauverzögerungen verschoben werden. Dadurch ergab sich im März und April 2026 ein Zeitfenster. Und das konnten wir nutzen! Nun kommt „Mein Morgenstern“ in unsere Hopfenstadt, gewissermaßen als „MAI Morgenstern“.
„MAI Morgenstern“ passt sehr gut – zumal Sie die Ausstellung mit wertvollen Sammlerstücken und kunstvollen Drucken Ihrer hiesigen Werkstatt bereichern! Worauf dürfen sich die Besucher freuen?
Horst Pinsker: Ich bringe zum Beispiel das „Ilustrirte Buchbinderbuch“ aus dem Jahr 1868 mit. Dieses Buch hat mein Urgroßvater im Juni 1873 zur bestandenen Meisterprüfung als Buchbinder bekommen – ein besonderes Familienerbstück. Außerdem zeige ich ein Werk von P. Abraham a Santa Clara von 1711, das sich dem ehrenwerten Beruf des Buchdruckers und Buchbinders widmet, sowie den aktuellen Kalender zur Karwoche und zur Osteroktav „Der Sieg des Lebens über den Tod“.
Was kann uns die Ausstellung „Mein Morgenstern“ im Zeitalter von Touchscreen, Internet und KI mit auf den Weg geben?
Horst Pinsker: Digitale Medien sind aus unserer Welt nicht mehr wegzudenken. Dennoch haben analoge Dinge nach wie vor ihren besonderen Reiz. Natürlich freut man sich über eine nette WhatsApp-Nachricht. Aber eine schöne Karte, ein handgeschriebener Brief auf Büttenpapier, ein gutes Buch oder eine gedruckte Zeitung besitzen einen eigenen Tiefgang und haben eine ganz eigene Wertigkeit. Oder um es mit Marie von Ebner-Eschenbach zu sagen: „So manches papierene Denkmal hat mehr Bestand als ein Denkmal aus Erz.“
Foto Horst Pinsker: Stadtmarketing Mainburg / Foto Entstehungsprozess: Verein für die Schwarze Kunst e.V.